Hohe Strompreise belasten viele Unternehmen. Mit dynamischen Stromtarifen und zeitvariablen Netzentgelten haben Betriebe jedoch ein erhebliches Sparpotenzial: Wer Spotmarktpreise, Laststeuerung und Batteriespeicher intelligent verknüpft, kann Hochlastzeiten vermeiden und günstige Preisfenster ausschöpfen. So können Einsparungen von 20 Prozent und mehr erreicht werden.
Europas Energiesysteme werden grüner – und somit auch zunehmend volatiler. Mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien verschieben sich Preis- und Laststrukturen. Fürs Gewerbe entsteht daraus nicht nur ein Risiko, sondern auch ein wirtschaftlicher Hebel: Ein dynamischer Stromtarif mit Spotmarktpreisen ermöglicht es Unternehmen, Marktschwankungen gezielt zu nutzen und von günstigen Preisphasen zu profitieren.
Die dynamischen Tarife haben keinen festen Arbeitspreis, sondern sind an die sich viertelstündlich ändernden Großhandelspreise im Day-Ahead-Markt der europäischen Strombörse EPEX Spot gekoppelt. Day-Ahead bedeutet, dass hier in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage die Preise für den nächsten Tag ausgehandelt werden. Beispielsweise ist der Strom nachts aufgrund der geringeren Nachfrage oder zur Mittagszeit, wenn viel Solarstrom ins Netz gespeist wird, günstiger. Verbraucher zahlen je nach Tageszeit und Marktsituation unterschiedliche Preise. Besonders wirksam wird dieser Ansatz in Kombination mit einem intelligenten Energiemanagementsystem und einem Batteriespeicher: Der Speicher lädt bei niedrigen Preisen und gibt die Energie bei höheren Preisen wieder ab – so werden Stromkosten optimiert.
In Deutschland wirken seit April 2025 zeitvariable Netzentgelte als weiterer Hebel. Die Netzbetreiber legen dafür gemäß Modul 3 in Paragraf 14a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) drei Tarifstufen fest. Sie sind einerseits variabel, andererseits recht starr, da sie zeitlich fixiert sind. Sie gelten als Wegbereiter für viertelstündliche dynamische Netzentgelte, die derzeit im Verfahren zur Festlegung der Allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom (AgNes) der Bundesnetzagentur angestrebt werden.
Schon sehr viel länger als dynamische Netzentgelte gibt es eine weitere Einsparmöglichkeit für Unternehmen mit atypischer Netznutzung. Die deutsche Stromnetzentgeltverordnung (StromNEV, Paragraf 19) erlaubt es diesen Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen mit ihrem Netzbetreiber ein reduziertes, individuelles Netzentgelt zu vereinbaren. Dafür müssen sie ihre Jahreshöchstlast auf Zeiten außerhalb definierter Hochlastzeiten verschieben, die die Netzbetreiber jedes Jahr neu festlegen.
Auf diese Weise lassen sich Markt- und Netzkosten gleichzeitig senken. Das volle Einsparpotenzial entfaltet sich, wenn diese Mechanismen mit lokalen Optimierungsansätzen kombiniert werden – etwa mit solarer Eigenverbrauchsoptimierung oder Lastspitzenkappung. So entsteht ein ganzheitliches Energiemanagement, das Kosten reduziert, Netze entlastet und die Wirtschaftlichkeit nachhaltig steigert.
Die Grundlage bildet ein geeigneter dynamischer Stromtarif in Kombination mit einem leistungsfähigen Stromanschluss mit registrierender Leistungsmessung (RLM), also einer viertelstündlichen Erfassung des Strombezugs. Bei Unternehmen, die mehr als 100 MWh verbrauchen, ist eine RLM-Messung bereits heute Standard. Darauf aufbauend kann der Standort modular erweitert werden – etwa durch einen Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge oder eine solare Eigenverbrauchsoptimierung.
Sowohl Einstiegshürden als auch Anfangsinvestitionen bleiben damit überschaubar, während der wirtschaftliche Nutzen schrittweise wächst. Eine intelligente Software verbindet alle Komponenten miteinander. Eine lokale Steuereinheit erfasst Erzeugung und Verbrauch in Echtzeit und steuert Batteriespeicher sowie Ladeinfrastruktur vollautomatisch anhand von Preis- und Lastsignalen. Die Optimierung erfolgt dabei kontinuierlich im Hintergrund – ohne manuellen Eingriff und ohne Auswirkungen auf interne Abläufe wie beispielsweise Fertigungsprozesse.
Der Markt sei aktuell stark fragmentiert, resümiert Frank Blessing, Managing Director bei Coneva. Es gebe spezialisierte Anbieter für dynamische Tarife, für Lastspitzenkappung oder für lokale Energiemanagementsysteme. „Nur wenige Unternehmen verbinden diese Bausteine ganzheitlich in einer integrierten Lösung.“ Gerade in der intelligenten Kombination aus dynamischem Tarif, Speicher und Energiemanagement liege jedoch der größte wirtschaftliche Hebel. „Erst durch das Zusammenspiel aller Komponenten lassen sich Marktpreise, Netzentgelte und lokale Lastprofile optimal aufeinander abstimmen – und damit maximale Kosteneinsparungen realisieren", erklärt Blessing.
Unternehmen suchen vor allem messbare Einsparungen bei minimalem operativem Aufwand. Gefragt sind daher integrierte Gesamtlösungen, die dynamische Stromtarife, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur automatisch und intelligent steuern – ohne zusätzlichen Aufwand für die Betreiber.
Produktionsbetriebe und Handelsstandorte mit planbaren Lastprofilen profitieren erheblich von diesen Ansätzen. Das Angebot erfolgt als dynamischer Stromtarif kombiniert mit einem sogenannten Profit-Share-Modell: Die Vergütung für den Service ist direkt an die tatsächlich erzielten Einsparungen gekoppelt. So werden Investitionsrisiken minimiert und Einstiegskosten deutlich reduziert.
Besonders attraktiv ist das Modell für Standorte mit einem Jahresverbrauch ab etwa 100 MWh. Ein typisches Beispiel sind Logistikdepots: Die Lkw stehen dort planbar über Nacht oder zwischen Touren am Standort, ihre Ladeleistung ist steuerbar und häufig hoch. Dadurch werden die Fahrzeugbatterien selbst zu einem wertvollen Flexibilitätsinstrument. Kombiniert man sie mit einem stationären Batteriespeicher, können Unternehmen Lastspitzen gezielt kappen, teure Hochlastzeitfenster vermeiden und günstige Marktpreisphasen systematisch nutzen.
Ähnliche Effekte zeigen sich bei Produktionsbetrieben mit hohem Energiebedarf und planbaren Lastprofilen. Auch sie profitieren von einer intelligenten Steuerung – wenngleich das genaue Einsparpotenzial je nach Standort, Lastprofil und verfügbarer Flexibilität variiert. Zwei Faktoren treiben die Einsparungen: Unternehmen nutzen zur Strombeschaffung gezielt günstige Preisfenster und sie vermeiden Lastspitzen, wodurch ihre Netzentgelte sinken.
Wie wirkungsvoll dieses Zusammenspiel sein kann, zeigt das Coneva-Projekt beim Logistikunternehmen Döpke: Eine Photovoltaikanlage mit 430 kW Spitzenleistung, ein Batteriespeicher mit 400 kWh Kapazität sowie zwei E-Sattelzugmaschinen mit Schnellladepunkten werden dort über ein zentrales Energiemanagementsystem intelligent koordiniert. In einem ähnlichen Projekt wurden durch die Kombination aus solarer Eigenverbrauchsoptimierung, Lastspitzenkappung, dynamischer Beschaffung und gezielter Verlagerung der Jahreshöchstlast die Stromkosten um rund 20 Prozent gesenkt.
Die Abrechnung dynamischer Tarife ist für Energieversorger komplex, weil sie bislang größtenteils manuell läuft. Das Schweizer Unternehmen Exnaton stellt Energieversorgern deshalb eine Softwareplattform zur Verfügung, die komplexe Stromprodukte für Endkunden automatisiert und revisionssicher abrechnet. Typische Anfragen kommen von Versorgern, die dynamische Tarife für Geschäftskunden entwickeln und dafür eine sichere Ende-zu-Ende-Lösung für die Verarbeitung von Börsenpreisen, Netzentgelten, Umlagen sowie Sonderformen wie individuelle Netzentgelte gemäß Paragraf 19 StromNEV benötigen.
In Studien und Praxisanwendungen können Kunden mit dynamischen Tarifen durchaus zwischen 10 und 30 Prozent bei Energie- und Netzkosten einsparen. Ein vereinfachtes Beispiel rechnet Fabian Stocker, Head of Key Account Management bei Exnaton vor: Ein KMU mit 100 MWh Jahresverbrauch, einem durchschnittlichen Energiepreis von 25 Cent pro kWh und Netzentgelten von 10 Cent pro kWh zahlt heute Stromkosten von rund 35.000 Euro pro Jahr – eine Reduktion um 20 Prozent entspricht immerhin 7.000 Euro Einsparung.
Mehrere europäische Länder arbeiten bereits mit zeit- oder leistungsabhängigen Netzentgelten. So sind die Niederlande stark leistungsbasiert, das Vereinigte Königreich setzt auf sogenannte Time-of-Use-Signale, und auch Spanien sowie die skandinavischen Länder nutzen zunehmend zeitabhängige Modelle.
Deutschland verfügt mit Paragraf 19 StromNEV und Paragraf 14a EnWG über gesetzlich verankerte Flexibilitätsmechanismen. Leistungspreissignale und Hochlastzeitfenster gewinnen europaweit an Bedeutung und werden für Unternehmen mit planbaren Lastprofilen immer relevanter.
In der Schweiz werden Energiekosten und Teile der Netzentgelte schrittweise dynamisiert, etwa über leistungsabhängige Komponenten, zeitvariable Arbeitspreise und neue dynamische Netz- beziehungsweise Gesamttarife, wie sie die Axpo-Tochter CKW ab 2026 auf Basis eines flächendeckenden Smart-Meter-Rollouts in ihrem Versorgungsgebiet anbieten will.
Auf EU-Ebene verlangt die Elektrizitätsbinnenmarktrichtlinie 2019/944 Netztarife, die Flexibilität anreizen und Doppelbelastungen vermeiden. Die Berater von SmartEn und FTI Consulting haben hierzu eine Roadmap für kostendeckende Netzstrukturen veröffentlicht. Sie betont, dass Netztarife künftig stärker die tatsächlichen Systemkosten widerspiegeln und flexible Verbraucher entlasten sollen. Damit entsteht für Gewerbekunden in ganz Europa ein wachsendes Feld an dynamischen Energie- und Netzprodukten – und ein klares Signal, Flexibilität als wirtschaftliche Ressource zu begreifen.
Auf der EM-Power Europe Conference am 22. und 23. Juni 2026 in München können Sie tiefer ins Thema Flexibilität in Industrie und Gewerbe eintauchen. Diskutieren Sie in der Session „Turning Industrial and Commercial Demand Side Flexibility into Value” am Dienstag, den 23. Juni, mit internationalen Branchenexperten darüber, wie Netzbetreiber Flexibilität in ihr Alltagsgeschäft integrieren.