Der Dachanlagenmarkt für Photovoltaik (PV) bildet weiterhin das Rückgrat der europäischen Energiewende. Dabei nimmt derzeit vor allem das Segment Industrie und Gewerbe (C&I – eng. Commercial and Industrial) zu: Während das Wohnsegment aufgrund von Förderungskürzungen in vielen Ländern schwächelt, werden kombinierte Lösungen zur Erhöhung des Eigenverbrauchs in C&I immer wichtiger. Dieser Trend war auch auf der Intersolar Europe 2026 und dem dazugehörigen Rahmenprogramm zu besichtigen.
Die Bedingungen spielen dem Markt in die Hände: Immer mehr Gewerbe- und Industriebetriebe wollen sich gegen Preissprünge bei Strom und fossilen Energieträgern absichern, müssen Kriterien an nachhaltiges Wirtschaften sowie zunehmend EU-weite Solarpflichten für Gewerbegebäude befolgen.
Gleichzeitig sind Unternehmen durch den rasanten Preisverfall von Batteriespeichern und der zunehmenden Beliebtheit von E-Firmenflotten immer stärker an Kombinationslösungen von PV mit diesen ergänzenden Technologien interessiert. Das Segment C&I hat daher auf der Intersolar Europe 2026 einen Boom erfahren: Nicht nur auf Produktebene, wo zahlreiche der 2.650 Aussteller der Messeallianz The smarter E Europe Produkte wie Wechselrichter oder All-In-One-Solutions für C&I ausstellten. Auch das Rahmenprogramm der Veranstaltung gab dieses Jahr Gelegenheit, tief ins Thema einzutauchen: Bei den Sessions des Intersolar Forums „Smart kombiniert – PV, Speicher & Flottenmanagement für Gewerbe & Industrie“ und dem „DGS-Forum Solaranlagen in Gewerbe und Industrie" sowie besonders prominent in der Themenwelt Gewerbe auf der Sonderschau „Renewables 24/7“.
Innerhalb des Dachanlagenmarktes verschiebt sich das Gewicht klar zum Gewerbe- und Industriesegment – in Frankreich entfallen laut Enedis/RTE bereits rund 65 Prozent der neu angeschlossenen Leistung auf das Segment 100 bis 500 Kilowatt-Peak (kWp). Ausschlaggebend ist die Wirtschaftlichkeit des Eigenverbrauchs: Laut Fraunhofer ISE erzeugen Betriebe in Deutschland Solarstrom vom eigenen Dach für 5,6 bis 12 Cent je Kilowattstunde (kWh), während Industriekunden für Netzstrom rund 14 bis 16 Cent zahlen. Zugleich verliert die Einspeisung an Wert – in Ländern wie Frankreich, Deutschland, Spanien und Polen häuften sich die Stunden mit negativen Strompreisen im ersten Halbjahr 2026 stärker als im gesamten Vorjahr, wie LevelTen Energy berichtet. Damit wird jede selbst verbrauchte Kilowattstunde wertvoller – und ergänzende Technologien machen die PV-Anlage erst voll nutzbar: Batteriespeicher, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur für E-Flotten verschieben den Solarstrom dorthin, wo er im Betrieb gebraucht wird. Genau diese Kombinationen treiben den Boom: Laut EUPD Research sollen die C&I-Speicherinstallationen 2026 europaweit um 78 Prozent zulegen und rund 59 Prozent der Fachbetriebe bieten bereits Ladeinfrastruktur mit an.
Auch abseits Frankreichs zieht der C&I-Markt an: In Spanien war der industrielle Eigenverbrauch laut dem spanischen Solarenergieverband UNEF mit 679 Megawatt (MW) 2025 das einzige wachsende Segment, in Rumänien erreicht der C&I-Bereich bereits rund 1,8 Gigawatt (GW) kumulierte Leistung. Die stärksten Signale für das C&I-Segment kommen laut EUPD Research derzeit aus Italien, Großbritannien und den Niederlanden.
Ein Highlight des Rahmenprogramms 2026 der Intersolar Europe war die Sonderschau „Renewables 24/7“ – dort wurde eindrucksvoll gezeigt, wie eine vollständig durch Erneuerbare gespeiste Erzeugung in Verzahnung mit Energiespeicherung (Batteriespeicher, grüner Wasserstoff), der Elektrifizierung von Transport und Wärme (Wärmepumpen, elektrische Kessel) sowie dem intelligenten Energiemanagement (Lastspitzenkappung, bidirektionales Laden u.a.) für Gewerbe und Industrie eine kostengünstige, emissionsarme und zuverlässige Energieversorgung bereitstellen kann. Im Rahmen der Sonderschau wurden Pionierprojekte von Partnerfirmen vorgestellt, die solche Lösungen bereits heute gewinnbringend für die Unternehmen umsetzen.
Wie viel Potenzial im Bestand steckt, zeigt ein Projekt der encentive GmbH beim Kühllogistiker Peter Bade GmbH in Neumünster. Ausgangspunkt war ein verbreitetes Problem: Dem Betrieb fehlte der Überblick über die eigenen Energieflüsse, selbst erzeugter PV-Strom und günstige Spotmarktpreise blieben ungenutzt und Lastspitzen trieben die Netzkosten. Seit 2022 vernetzt und steuert eine KI-gestützte Plattform nun Kälteanlage, Wärmepumpe und PV-Anlagen der 6.500 Quadratmeter großen Kühlhalle automatisiert – vorausschauend anhand von Wetter-, Verbrauchs- und Preisprognosen. Die Ergebnisse im Betrachtungsjahr können sich sehen lassen: 11,3 Prozent weniger Stromverbrauch, 15,6 Prozent niedrigere Arbeitspreise, 30 Prozent geringere Netzentgelte und 54 Tonnen weniger CO₂. Das Projekt macht die zentrale Botschaft der Sonderschau greifbar: Ein großer Hebel zur Dekarbonisierung von Gewerbe und Industrie liegt in der klugen Steuerung und Vernetzung vorhandener Systeme.
Dass sich das Prinzip auch auf Betriebe mit hohem Dauerbedarf übertragen lässt, zeigt die Therme Bad Wörishofen gemeinsam mit FENECON und Timeless Planet. Ein moderner Wellnessbetrieb zählt zu den energie- und wärmeintensivsten Vertretern des Dienstleistungssektors – gesucht war deshalb eine langfristig wirtschaftliche und krisenfeste Versorgung, die möglichst viel Strom vor Ort erzeugt und den Netzbezug senkt. Herzstück der Modernisierung ist eine 1,34-MW-PV-Anlage als großflächige Parkplatzüberdachung, ergänzt um industrielle Großspeicher mit insgesamt 3.864 kWh Kapazität und 28 Ladepunkte für E-Mobilität. So verzahnt wird aus der Therme vom klassischen Verbraucher ein intelligent gesteuerter Smart-Grid-Akteur, der an sonnigen Tagen bis zu 180 Prozent seines eigenen Bedarfs erzeugt und sich zeitweise vollständig selbst versorgt. Die Eigenverbrauchsquote steigt, der externe Netzbezug sinkt drastisch – und die Kosten werden langfristig planbar. Das Projekt gilt als europäische Blaupause für den Tourismus- und Dienstleistungssektor.
Die Intersolar Europe 2026 hat gezeigt, wie stark C&I zum Taktgeber der europäischen Solarbranche geworden ist. Getrieben von der Wirtschaftlichkeit des Eigenverbrauchs, sinkenden Speicherpreisen und wachsenden regulatorischen Anforderungen suchen Gewerbe- und Industriebetriebe nicht mehr allein die PV-Anlage, sondern das vernetzte Gesamtsystem aus Erzeugung, Speicher, Wärme, E-Mobilität und intelligenter Steuerung. Die Pionierprojekte der Sonderschau „Renewables 24/7" belegen, dass solche Lösungen heute schon wirtschaftlich funktionieren – und dass der größte Hebel oft in der klugen Vernetzung des Bestehenden liegt. Für die Branche heißt das: Wer den C&I-Markt erschließen will, bietet künftig weniger einzelne Komponenten als integrierte, sektorgekoppelte Energiekonzepte.