„In urbanen Räumen wird man an BIPV künftig kaum noch vorbeikommen“

Experteninterview – 13. Mai 2026

Die gebäudeintegrierte Photovoltaik – BIPV – sichert sich zunehmend Marktanteile am Solarmarkt. Denn BIPV bringt die PV in die Städte, wo der Energiebedarf groß ist. Vor allem farbige Solarzellen haben sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und kommen überall dort zum Einsatz, wo ästhetische Aspekte im Vordergrund stehen. Andrea Birnbach, Project Manager bei Ceramic Colors Wolbring GmbH, einem der Marktführer im Bereich farbige Solarzellen, erklärt im Interview, warum BIPV immer wichtiger wird und welche Hindernisse es in Europa noch gibt.

Der BIPV-Markt entwickelt sich für uns aktuell sehr positiv. Wir haben in diesem Jahr bereits sehr viele Anfragen für Projekte, die sich in der Planungsphase befinden. Zudem konnten wir mehrere größere Projekte erfolgreich realisieren. Besonders in der Schweiz ist die Nachfrage sehr hoch, was unter anderem auf die solarfreundliche Gesetzeslage seit Anfang 2026 zurückzuführen ist. Gleichzeitig wächst das Interesse international – mit steigender Nachfrage in Europa, Nordamerika, dem Nahen Osten und Indien. Nicht zuletzt durch unsere effizienten Farben werden nun auch farbige Module für die Fassade und das Dach interessant. Insbesondere im Bereich Denkmalschutz eröffnet sich ein neues Marktsegment: Viele Behörden akzeptieren inzwischen farbige Lösungen, wodurch sich zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten ergeben.

Als Hersteller der keramischen ColorQuantTM Paste beliefern wir Glashersteller, die wiederum die Modulhersteller mit farbigen Front- und Rückgläsern versorgen. Unsere wichtigsten Partner befinden sich aktuell in der DACH-Region, den Niederlanden und Dänemark. Von dort aus werden Modulbauer in Europa, den USA und dem Nahen Osten beliefert.

Darüber hinaus arbeiten wir mit Glasherstellern in ganz Europa, der Türkei sowie in Asien zusammen. Neben der starken Entwicklung in der DACH-Region gewinnen neue Märkte wie Polen und die baltischen Staaten zunehmend an Bedeutung. Auch aus den USA und Korea verzeichnen wir steigendes Interesse.

Ich glaube, die Akzeptanz von BIPV nimmt insgesamt spürbar zu. Architekten und Bauherren erkennen zunehmend das Potenzial ästhetischer Gebäudehüllen, die gleichzeitig Energie erzeugen. Ich glaube, dass wir mit unserem Konzept der komplett „Customized“ -Farben, den Zeitgeist treffen. Kunden möchten sich von anderen Bauprojekten gestalterisch differenzieren und etwas Besonderes schaffen. Ein zentrales Hemmnis sind derzeit die komplexeren Planungs- und Regulierungsanforderungen im Fassadenbereich. Zudem ist Glas – insbesondere in Europa – ein signifikanter Kostenfaktor. Die energieintensive Herstellung führt zu deutlich höheren Preisen als in Asien. Eine Verbesserung von Preis und Verfügbarkeit ist entscheidend, so dass der BIPV-Markt weltweit weiterwachsen kann.

Nach sechs Jahren im Markt sehen wir eine sehr dynamische Entwicklung. Die Zahl neuer Kunden steigt kontinuierlich, viele davon ohne vorherige Berührungspunkte mit BIPV. Auf der anderen Seite gibt es auch schon einige Modulbauer, die farbige PV-Module in Standardgrößen und Farben anbieten. Mein Eindruck für Europa ist jedoch, dass der Markt sehr individuell – Customized – bleibt. Da sind wir, mit unserer enormen Farbvielfalt und Flexibilität was die Glasart, Form und Größe angeht, genau richtig.

Zum einen spielen Kosten und Verfügbarkeit zentraler Materialien – insbesondere Glas – eine Schlüsselrolle. Die energieintensive Herstellung führt in Europa aktuell zu hohen Preisen. Erst wenn sich diese Kosten reduzieren und die Lieferketten stabilisieren, wird eine breitere Marktdurchdringung möglich. China und auch der Rest von Asien greifen auf deutlich günstigere Energiekosten zurück. Ein weiterer wichtiger Punkt sind die regulatorischen Rahmenbedingungen. Fassadenintegrierte Photovoltaik unterliegt deutlich komplexeren Vorschriften als klassische Dachanlagen. Vereinfachte Genehmigungsverfahren und klare Standards könnten die Umsetzung deutlich beschleunigen.

In urbanen Räumen wird man an BIPV künftig kaum noch vorbeikommen – zumindest, wenn es um Großprojekte in Ballungszentren oder Industrieprojekte geht. Der steigende Energiebedarf in Städten lässt sich über Dachflächen allein nicht mehr decken, sodass Fassaden zunehmend in den Fokus rücken. Gleichzeitig bieten Fassadenanlagen gerade in den Wintermonaten stabile Erträge, was ihren Beitrag zur Energieversorgung zusätzlich stärkt. Die Sanierung von Wohnhochhäuser oder auch Büroimmobilien ist ein zentrales Thema, dem sich unsere Kunden bereits stellen. Hier stehen viele Projekte vor der Herausforderung, Energieeffizienz, regulatorische Anforderungen und architektonische Gestaltung miteinander zu verbinden – genau an dieser Schnittstelle bietet BIPV großes Potenzial. Mit steigenden Stückzahlen ist davon auszugehen, dass sich die Kosten weiter reduzieren. Dadurch wird BIPV perspektivisch auch für breitere Anwendungen – vielleicht auch im privaten Sektor – attraktiver.

Darüber hinaus erwarten wir starkes Wachstum bei funktionalen Gebäudetypen wie Parkhäusern, Carports, Lagerhallen sowie öffentlichen Gebäuden. Diese sind prädestiniert für den Einsatz von BIPV, da große Flächen verfügbar sind und die Integration zunehmend wirtschaftlicher wird. Ein entscheidender Treiber ist dabei die Weiterentwicklung der Farbtechnologien. Sie ermöglichen, auch denkmalgeschützte Gebäude oder architektonisch anspruchsvolle Projekte mit Photovoltaik auszustatten, ohne gestalterische Kompromisse eingehen zu müssen.

Auf der diesjährigen Intersolar zeigen wir die Flexibilität von ColorQuantTM, die Anwendung bei 5 unterschiedlichen Modulbauern, jeder mit einem anderen Kundenkreis und Konzept. Ziel ist es, die Möglichkeiten farbiger Photovoltaik einem breiten Fachpublikum aus Modulbauern, Planern und Architekten näherzubringen und zu zeigen, wie effizient und marktnah sich diese Technologie heute umsetzen lässt.

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