„PV-Anlagen amortisieren sich in Indien teils innerhalb von zwei bis drei Jahren“

Experteninterview – 19. Juni 2026

Indien steht als Fokusland der Intersolar Europe besonders im Mittelpunkt: Der Solarmarkt wächst dynamisch, getrieben von attraktiven Förderbedingungen, steigender Nachfrage nach dezentraler Energieversorgung und einem zunehmenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften. Im Interview mit Frank Späte von der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie e. V. (DGS) sprechen wir über die Entwicklung des indischen PV-Marktes, die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung sowie die Chancen von Solaranlagen als Backup- und Eigenversorgungslösung.

Wie hat sich der indische Solarmarkt in den vergangenen Jahren entwickelt, und welche Segmente prägen aktuell die Dynamik am stärksten?

Ich bin seit rund einem Jahrzehnt regelmäßig in Indien unterwegs - zunächst über Hochschulkooperationen und zuletzt auch für ein Semester an einer Partnerhochschule. Der Solarboom ist inzwischen überall sichtbar: Man sieht immer mehr Anlagen auf Dächern und in Freiflächen. Auch institutionell wird der Ausbau stark begleitet. Indien hat bereits seit 1992 ein eigenes Ministerium für erneuerbare Energien, das in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen hat.

Bei den Segmenten haben zunächst vor allem große Utility- und Freiflächenanlagen den Markt geprägt. Dieses Segment bleibt wichtig. Gleichzeitig nimmt der Dachanlagenmarkt deutlich Fahrt auf - sowohl bei privaten Haushalten als auch im kleingewerblichen Bereich. Ein Grund ist die wachsende kaufkräftige Mittelschicht, die sich eigene PV-Anlagen zunehmend leisten kann. Die DGS engagiert sich seit vielen Jahren in der Aus- und Weiterbildung rund um Solarenergie.

Welche Rolle spielt Qualifizierung für den weiteren Ausbau des PV-Marktes in Indien?

Qualifizierung ist ganz entscheidend. Ohne gut ausgebildete Fachkräfte lässt sich dieser Boom praktisch nicht bewältigen. Aus meiner Erfahrung im Hochschulbereich sehe ich, dass in Indien weiterhin vor allem klassische Bachelorstudiengänge dominieren - etwa Maschinenbau, Elektrotechnik, Informationstechnologie oder Informatik. Spezialisierte Studiengänge in Richtung erneuerbare Energien oder Photovoltaik sind im Bachelorbereich noch nicht so verbreitet wie in Deutschland; solche Vertiefungen gibt es eher im Masterbereich.

Viele Absolventinnen und Absolventen steigen aber bereits nach dem Bachelor in den Beruf ein. Sie haben dann vielleicht ein Modul zu Solarenergie gehört, aber oft fehlt das spezifische PV-Know-how für Planung, Installation und Betrieb. Hinzu kommt, dass es eine klassische handwerkliche Ausbildung wie in Deutschland in Indien kaum gibt. Vieles läuft über Learning by Doing. Deshalb sind Aus-, Fort- und Weiterbildung im akademischen wie im praktischen Bereich sehr wichtig.

Wo sehen Sie in Indien derzeit den größten Bedarf an Fachkräften: bei der Planung, der Installation, der Wartung oder der Qualitätssicherung von PV-Anlagen?

Kritisch sehe ich den praktischen Bereich - also Installation, Wartung und Qualitätssicherung. Gerade weil es keine ausgeprägte handwerkliche Ausbildung gibt, ist die fachgerechte Umsetzung eine zentrale Herausforderung. Die Anlagen müssen sicher installiert werden, zuverlässig funktionieren und langfristig gewartet werden können. Dafür braucht der Markt mehr qualifizierte Praktiker sowie klare Qualitätsstandards.

Das sind vor allem die sehr guten wirtschaftlichen Bedingungen. Photovoltaik ist in den vergangenen Jahren weltweit deutlich günstiger geworden, und in Indien kommen sehr attraktive Förderbedingungen hinzu.

Ich habe zum Beispiel in Kerala gesehen, dass typische private Dachanlagen oft bei rund vier Kilowatt Peak liegen. Für solche Anlagen gibt es eine Förderung, die etwa einem Kilowatt Peak entspricht - also ungefähr einem Viertel der Investition. Zusätzlich ist die Verrechnung des eingespeisten Stroms sehr attraktiv. Dadurch können sich PV-Anlagen im privaten Bereich teilweise innerhalb von zwei bis drei Jahren amortisieren. Unter solchen Bedingungen stellt sich natürlich die Frage: Wo kann man sein Geld besser anlegen?

In vielen Regionen Indiens ist das öffentliche Stromnetz nicht immer zuverlässig. Welche Bedeutung kann Photovoltaik hier als dezentrale Backup- und Eigenversorgungslösung gewinnen?

Das ist ein deutlicher Treiber des Marktes. In Deutschland spielt Notstrom bei privaten PV-Anlagen kaum eine Rolle, weil das Netz sehr stabil ist. In Indien ist die Situation anders: Wenn der Strom häufiger ausfällt und gleichzeitig Kühlschränke, Kühltruhen oder Klimaanlagen laufen sollen, wird eine dezentrale Eigenversorgung sehr relevant.

Deshalb sind PV-Anlagen mit Backup-Funktion dort viel wichtiger. Wechselrichter können bei einem Netzausfall auf das Hausnetz umschalten, und Batteriespeicher werden zunehmend interessant, damit Strom auch nachts oder bei längeren Ausfällen verfügbar ist. Gleichzeitig wird diskutiert, PV-Anlagen im Privatbereich künftig stärker mit Speichern zu kombinieren - auch, um die Netze zu entlasten und die Netzstabilität zu verbessern.

Regionale Förderprogramme und lokale Marktbedingungen sind sehr wichtig. Indien ist ein riesiges, föderal organisiertes Land. Je weiter man sich von der Zentralregierung in Neu-Delhi entfernt, desto stärker prägen die Strukturen und Entscheidungen der einzelnen Bundesstaaten den Markt.

Indien ist Fokusland der Intersolar Europe 2026. Hier gehts zum kompletten Programm und Informationsangebot auf der Veranstaltung.

Sie verwenden einen veralteten Browser

Die Website kann in diesem Browser nicht angezeigt werden. Bitte öffnen Sie die Website in einem aktuellen Browser wie Edge, Chrome, Firefox oder Safari.