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7 Länder - 7 Märkte - 7 Experten: PV Markt Schweiz

David Stickelberger: „Mittelfristig rechnen wir mit einem jährlichen Zubau von 400 Megawatt“

Sieben Fragen über den Schweizer Photovoltaikmarkt an David Stickelberger, Geschäftsleiter von Swissolar, dem Schweizerischen Fachverband für Sonnenenergie.

 

Wie hat sich der Photovoltaikmarkt 2016 und 2017 aus Ihrer Sicht entwickelt?
Es waren zwei schwierige Jahre für die Schweizer PV-Branche, geprägt von der politischen Unsicherheit vor dem Inkrafttreten der Energiestrategie 2050 und der fehlenden Förderung von Anlagen über 30 kW. Das Gewicht verschob sich deswegen stark zu eigenverbrauchsoptimierten Kleinanlagen, deren Anzahl gegenüber den vorhergehenden Jahren dadurch kräftig stieg, was aber den Rückgang bei den Grossanlagen nicht kompensieren konnte. Es resultierte 2016 ein Marktrückgang der PV von über 20 % gegenüber dem Vorjahr. Das bedeutet, dass nur 264 MW zugebaut wurden. Auf diesem Niveau dürfte auch der Zubau 2017 gelegen haben – genaue Zahlen liegen erst im Juni vor.
 

Welches Volumen erwarten Sie in den nächsten Jahren?
Wir sind zuversichtlich, dass der Zubau schon dieses Jahr wieder auf über 300 MW steigen wird. Bis 2020 sollten wir die Schwelle von jährlich 400 MW überschritten haben, ein Niveau, das in den darauffolgenden Jahren gehalten werden dürfte.
 

Welche Marktsegmente sehen Sie derzeit als besonders vielversprechend an und warum?
Kleinanlagen im Einfamilienhaus werden immer populärer. Im Verbund mit Wärmepumpen, die bei neu gebauten Einfamilienhäusern in der Schweiz einen Anteil von 80 % haben, und im Verbund mit der Elektromobilität erreichen sie einen hohen Anteil Eigenverbrauch. Dazu tragen auch die Batteriespeicher bei, die bisher in der Schweiz noch ein Nischendasein fristeten, aber inzwischen in diesem Marktsegment auf grosses Interesse stossen.
Dank der Ausweitung der Förderung durch die Einmalvergütung auf Anlagen über 30 kW erwarten wir auch mehr Dynamik bei grösseren Anlagen. Da sind einerseits die Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch, die seit Jahresbeginn über Parzellengrenzen hinweg möglich sind. Auch wenn noch einige Punkte in der Umsetzung geklärt werden müssen, liegt hier ein enormes Potenzial, insbesondere dann, wenn Wohn- und Gewerbenutzungen zusammengeschlossen werden können. Andererseits machen die sinkenden Solarstrompreise den Bau von PV-Anlagen auf Gewerbe- und Industriebauten immer interessanter. Dagegen schwindet derzeit die Attraktivität von landwirtschaftlichen Anlagen: Früher waren sie ein wichtiges Segment, heute sind sie wegen tiefem Eigenverbrauch weniger interessant. Dies könnte sich ändern, wenn vermehrt elektrisch angetriebene Maschinen in diesem Sektor Einzug halten.
 

Welches Thema steht derzeit im Schweizer PV-Markt im Vordergrund?
Die Umsetzung der neuen Regelungen zum „Zusammenschluss zum Eigenverbrauch“ beschäftigt uns intensiv. Wir versuchen hier gemeinsam mit den anderen Interessengruppen – sprich Mietern, Hauseigentümern, Energieversorgern – gute und unbürokratische Lösungen zu finden. Ein weiteres Thema sind die Rückspeisetarife für den nicht selbst gebrauchten Strom, die leider von einigen wichtigen Energieversorgern extrem tief angesetzt werden.
 

Welche Perspektiven sehen Sie für die Elektromobilität?
Bisher besetzt sie in der Schweiz nur eine Nische, obwohl doch schon über 14‘500 reine Elektrofahrzeuge zugelassen sind. Aber mit dem inzwischen gut ausgebauten Netz der Ladestationen und der steigenden Modellvielfalt rechne ich mit einem sprunghaften Wachstum. Wir müssen aber sicherstellen, dass der dafür benötigte zusätzliche Strom aus erneuerbaren Quellen stammt. Die Sensibilität dafür ist bei Hausbesitzern hoch. Aber nicht nur zuhause, sondern auch am Arbeitsplatz muss es möglich sein, sein Fahrzeug mit Solarstrom zu laden.
 

Welche Rolle nimmt die PV im schweizerischen Energiemix ein?
Heute stammen rund 3 % unsere jährlichen Strombedarfs aus PV. Eine von uns in Auftrag gegebene Studie zeigt jedoch, dass allein auf Dächern und Fassaden rund 50 % des heutigen Strombedarfs mit PV erzeugt werden könnte. Wir werden wahrscheinlich einen grossen Teil dieses Potenzials nutzen müssen, um die Dekarbonisierung bewältigen zu können – wir brauchen mehr Strom für Mobilität und Gebäudeklima. Freiland-PV-Anlagen sind aufgrund des knappen Platzes in der Schweiz kaum ein Thema, und Windenergie hat mit grossen Akzeptanzproblemen zu kämpfen. Also wird Solarstrom aus der Gebäudehülle nach der Wasserkraft, die 60 % des Stroms liefert, zum wichtigsten Energieträger der Schweiz.
 

Welche europäischen Trends sind für Sie derzeit relevant und wünschenswert für die Schweiz?
Das „Clean Energy Package“ (CEP) der EU-Kommission hat auch für uns als Nichtmitglied der EU Bedeutung, insbesondere bei der Frage der Ausgestaltung des Strommarkts: Wie muss dieser funktionieren, damit auch nach Auslaufen der bisherigen Fördermassnahmen der erforderliche rasche Ausbau der erneuerbaren Energien möglich ist? Wünschenswert wäre, wenn die Schweiz sich vom CEP bezüglich eigener Ziele inspirieren liesse. Insbesondere bei der Wärmeerzeugung, bei der die EU den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2030 jährlich um 1 % erhöhen möchte.
 

Intersolar Europe Conference: PV Markets Sessions | Dienstag, 19. Juni 2018